„Ich bin einfach nicht fotogen.“
Diesen Satz höre ich als Fotografin immer wieder. Oft fällt er gleich zu Beginn eines Shootings – manchmal beiläufig, manchmal mit einem Lachen überspielt und manchmal mit einer Überzeugung, die über viele Jahre gewachsen ist.
Aber was bedeutet es eigentlich, nicht fotogen zu sein? Ist es wirklich eine Eigenschaft, die manche Menschen haben und andere nicht? Oder steckt dahinter etwas ganz anderes?
Darüber durfte ich mit Alexandra Wilmsmann-Hiller im lebendigMACHER Podcast für Lebens-, Liebes- und Geldglück sprechen. In unserem Gespräch ging es nicht nur um Fotografie. Es ging um Selbstbild, Selbstwert, Sichtbarkeit und die Frage, weshalb ein einziges Foto manchmal so viel in uns auslösen kann.
Podcastfolge ansehen: „Du bist nicht fotogen? Das steckt wirklich dahinter!“
Warum wir uns auf Fotos manchmal fremd vorkommen
Wir selbst kennen uns vor allem aus dem Spiegel. Dort sehen wir uns bewegt, aus einem vertrauten Blickwinkel und meistens in einem Moment, den wir selbst kontrollieren.
Ein Foto funktioniert anders. Es hält einen winzigen Bruchteil einer Sekunde fest. Vielleicht gerade den Moment, in dem wir blinzeln, den Mund bewegen oder eine ungewohnte Haltung einnehmen. Aus einem lebendigen Menschen wird plötzlich ein starres Bild.
Hinzu kommt, dass wir uns selbst meist viel kritischer betrachten als andere Menschen. Während unser Gegenüber unsere Ausstrahlung, unsere Stimme, unsere Gestik und unsere gesamte Persönlichkeit wahrnimmt, suchen wir auf einem Foto häufig zuerst nach vermeintlichen Fehlern.
Die Falte, die uns stört.
Das Lächeln, das wir anders erwartet haben.
Die Körperhaltung, die sich ungewohnt anfühlt.
Oder die Gesichtshälfte, die wir angeblich weniger mögen.
Wir sehen dann nicht mehr das ganze Bild. Wir sehen nur noch das, worauf wir unseren kritischen Blick trainiert haben.
„Nicht fotogen“ ist kein unveränderliches Urteil
Ich glaube nicht daran, dass Menschen grundsätzlich unfotogen sind.
Es gibt unvorteilhafte Perspektiven, ungünstiges Licht, unpassende Momente und Situationen, in denen sich ein Mensch vor der Kamera nicht sicher fühlt. Das ist aber etwas völlig anderes.
Ein gutes Porträt entsteht nicht allein dadurch, dass jemand korrekt vor einer Kamera steht. Es entsteht durch Vertrauen, Aufmerksamkeit und das Gefühl, sich nicht verstellen zu müssen.
Viele Menschen versuchen vor der Kamera sofort, etwas darzustellen. Sie setzen ein bestimmtes Lächeln auf, ziehen die Schultern zurück und überlegen fieberhaft, wohin sie mit ihren Händen sollen.
In diesem Moment entfernen sie sich häufig immer weiter von sich selbst.
Meine Aufgabe als Fotografin besteht deshalb nicht darin, einen Menschen in eine perfekte Pose zu drücken. Ich möchte eine Atmosphäre schaffen, in der die Person vor meiner Kamera nicht permanent darüber nachdenken muss, wie sie gerade aussieht.
Denn genau dann entstehen die Bilder, in denen Persönlichkeit sichtbar wird.
Ein Foto trifft auf das Bild, das wir von uns selbst haben
Fotografiert zu werden, hat immer auch etwas mit dem eigenen Selbstbild zu tun.
Wir alle tragen eine Vorstellung davon in uns, wie wir aussehen, wie wir wirken und wie andere Menschen uns wahrnehmen. Ein Foto kann diese Vorstellung bestätigen. Es kann ihr aber auch widersprechen.
Manchmal ist nicht das Foto das eigentliche Problem. Vielleicht passt das Bild nur nicht zu der Vorstellung, die wir über Jahre von uns entwickelt haben.
Das kann unangenehm sein. Gleichzeitig liegt darin eine große Chance.
Fotografie kann zeigen, was wir selbst kaum noch wahrnehmen: Stärke, Wärme, Klarheit, Verletzlichkeit, Humor oder eine Präsenz, die für andere längst sichtbar ist.
Ich erlebe immer wieder, dass Menschen ein Bild von sich betrachten und zunächst überrascht sind. Nicht, weil sie darauf vollkommen anders aussehen, sondern weil sie sich plötzlich mit einem anderen Blick sehen.
Weniger kritisch.
Weniger kontrolliert.
Und manchmal sogar ein kleines Stück liebevoller.
Gute Businessfotos brauchen keine perfekte Rolle
Besonders deutlich wird dieses Thema bei Businessporträts.
Viele Menschen glauben, sie müssten auf professionellen Bildern möglichst souverän, erfolgreich und makellos wirken. Sie orientieren sich an den Bildern anderer und versuchen, eine Vorstellung davon zu erfüllen, wie eine Unternehmerin, eine Führungskraft oder eine Expertin angeblich auszusehen hat.
Das Ergebnis kann professionell sein – und sich trotzdem vollkommen falsch anfühlen.
Ein technisch perfektes Foto hilft wenig, wenn die Person darauf nicht glaubwürdig wirkt. Kunden, Mitarbeitende und Geschäftspartner reagieren nicht nur auf Kleidung, Hintergrund und Bildqualität. Sie nehmen auch wahr, ob Haltung und Ausdruck zusammenpassen.
Authentizität bedeutet dabei nicht, dass jedes Foto spontan oder vollkommen ungestellt sein muss. Auch ein professionelles Porträt darf vorbereitet, inszeniert und bewusst gestaltet sein.
Es sollte sich jedoch nicht wie eine fremde Rolle anfühlen.
Gute Businessfotografie zeigt nicht nur, was jemand beruflich macht. Sie vermittelt, wie sich eine Begegnung mit diesem Menschen anfühlen könnte. Sie kann Vertrauen schaffen, Haltung transportieren und eine Persönlichkeit greifbar machen, noch bevor das erste persönliche Gespräch stattgefunden hat.
Sichtbarkeit kann sich verletzlich anfühlen
Sichtbarkeit wird im beruflichen Kontext oft wie eine reine Strategie behandelt: häufiger posten, das eigene Gesicht zeigen, Personal Branding betreiben und regelmäßig neue Bilder veröffentlichen.
Was dabei leicht übersehen wird: Sichtbar zu werden, ist für viele Menschen emotional.
Wer sich zeigt, macht sich auch bewertbar. Andere können eine Meinung entwickeln, reagieren oder eben nicht reagieren. Besonders Frauen haben häufig früh gelernt, sich selbst sehr genau zu beobachten und das eigene Erscheinungsbild an den Erwartungen anderer zu messen.
Zu auffällig, zu zurückhaltend, zu streng, zu weich, zu alt, zu jung, zu viel oder nicht genug.
Unter diesen Bedingungen ist es nachvollziehbar, dass ein Fotoshooting nicht einfach nur ein Termin im Kalender ist. Es kann zu einer Begegnung mit dem eigenen Selbstbild werden.
Deshalb braucht Sichtbarkeit keinen zusätzlichen Druck. Sie braucht einen sicheren Rahmen.
Die Verantwortung liegt nicht allein vor der Kamera
Ein gutes Bild ist keine Leistung, die ausschließlich die fotografierte Person erbringen muss.
Niemand sollte zu einem Shooting kommen und bereits wissen müssen, wie man steht, schaut oder sich bewegt. Genau dafür ist eine professionelle Begleitung da.
Ich beobachte, gebe Orientierung und achte auf die kleinen Veränderungen: Wann lässt die Anspannung nach? Wann wird aus einem aufgesetzten Lächeln ein echtes? Wann zeigt sich ein Ausdruck, der zu diesem Menschen passt?
Dabei geht es nicht darum, vermeintliche Makel zu verstecken oder eine künstlich optimierte Version eines Menschen herzustellen. Es geht darum, genauer hinzusehen.
Ich möchte Menschen nicht zu jemand anderem machen. Ich möchte sichtbar machen, was bereits da ist.
Ein Gespräch über Fotografie – und über viel mehr
Das Gespräch mit Alexandra hat mir noch einmal gezeigt, wie eng Fotografie, Selbstwahrnehmung und persönliche Entwicklung miteinander verbunden sind.
Alexandra beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Glaubenssätzen, inneren Blockaden und nachhaltiger Veränderung. Genau deshalb passte unsere gemeinsame Folge so gut: Der Satz „Ich bin nicht fotogen“ klingt zunächst wie eine harmlose Feststellung. Dahinter kann jedoch eine ganze Geschichte darüber liegen, wie ein Mensch sich selbst sieht und welchen Blick er auf sich übernommen hat.
Wir sprachen darüber, weshalb Menschen vor der Kamera glauben, „doof“ auszusehen, warum echte Businessfotos nicht austauschbar sein dürfen und wie Bilder etwas sichtbar machen können, das wir an uns selbst längst übersehen.
Mein herzliches Dankeschön gilt Alexandra Wilmsmann-Hiller für die Einladung, das offene Gespräch und den Raum, dieses Thema nicht nur fotografisch, sondern auch persönlich zu betrachten.
Vielleicht bist du nicht unfotogen
Vielleicht hast du dich bisher nur noch nicht auf Bildern gesehen, die wirklich zu dir passen.
Vielleicht war das Licht ungünstig, der Moment unpassend oder die Situation zu angespannt. Vielleicht hast du versucht, vor der Kamera jemand zu sein, von dem du dachtest, dass andere ihn sehen wollen.
Und vielleicht brauchst du keine weiteren Tipps für die perfekte Pose.
Vielleicht brauchst du einen Menschen hinter der Kamera, der genauer hinsieht – und dir dabei hilft, dich selbst wiederzuerkennen.
Die vollständige Folge „Du bist nicht fotogen? Das steckt wirklich dahinter!“ findest du im lebendigMACHER Podcast mit Alexandra Wilmsmann-Hiller:
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