Die große Wendung: KI hat echte Fotografie wieder wertvoll gemacht
2026 ist echte Fotografie wieder… neu. Ja, wirklich. Ich weiss, das klingt wie ein Satz, den man 2016 auf einem Kaffeebecher gefunden hätte – und trotzdem beschreibt er ziemlich genau, was gerade passiert.
Denn wenn man die letzten Jahre einmal wie eine kleine Serie betrachtet, war das Ganze eigentlich eine einzige Abkürzungssuche: Wie kommen wir schnell zu „professionell“, ohne professionell zu machen?
Die große Liebe zu Stockfotos
2023/24 war die Liebe zu Stockfotos so groß und die Freude darüber, endlich auf teure Fotoshootings verzichten zu können, noch größer. Ein Abo, ein Download, ein „wir wirken jetzt wie ein Unternehmen mit Kultur“. Fertig.
Die Ironie an der ganzen Sache: Stockfotos haben damit unfreiwillig an etwas mitgewirkt, das sie eigentlich verhindern sollten. Je öfter dieselben Motive auftauchten, je sichtbarer die Muster wurden, desto stärker wurde der Hunger nach dem Gegenteil: nach echten Gesichtern, echten Räumen, echten Situationen. Stockfotografie hat echte Fotografie also, ganz nebenbei, wieder wertvoller gemacht.
Nur: So richtig haben Stockfotos das nie zu Ende gebracht. Sie haben genervt, ja – aber sie haben uns noch nicht überall sofort aus dem Bild geworfen. Viele waren immer noch „okay“. Der Punkt, an dem wirklich jeder automatisch denkt: Das ist nicht echt, war noch nicht flächendeckend erreicht.
Die KI-Revolution
2024/25 kam dann die nächste Stufe, die große Revolution: KI-Bilder. Plötzlich konnten wir alle „professionell“ aussehen, ohne jemals professionell fotografiert worden zu sein.
- Ich am Schreibtisch (den es nicht gibt).
- Ich im Business-Outfit (das ich so niemals tragen würde).
- Und nochmal ich im mobilen Office auf einer Insel (auf der ich nicht mal WLAN hätte, wenn ich dort wirklich wäre).
Und das Beste: Das Ganze sah auch noch verdammt überzeugend aus. Der Hype lief durchs Netz wie eine Riesenwelle: Jetzt brauchen wir auch keine Stockfotos mehr. Der absolute Wahnsinn – im besten Sinne.
Der geschärfte Blick für Echtes
Und 2026? KI hat das, was Stockfotos langsam angeschoben haben, in Rekordzeit vollendet: Es hat den Blick geschärft für das, was wirklich echt ist – und was nicht.
Jetzt ist all das… schlicht nichts Besonderes mehr. Nicht, weil Stockfotos schlecht wären. Nicht, weil KI-Bilder grundsätzlich Quatsch sind. Sondern weil jeder inzwischen begriffen hat, was da passiert: Wir sehen dieselben Bilder immer wieder. Auf jeder zweiten Website taucht ein Motiv auf, das man selbst schon mal irgendwo heruntergeladen hat.
- Der Mann im beigen Pullover, der ernst in ein Tablet schaut.
- Eine Frau mit Headset, die aussieht, als würde sie seit 2011 „Customer Happiness“ leben.
- Der Handschlag, der wahrscheinlich schon mehr Deals abgeschlossen hat als die ganze DACH-Region zusammen.
Wir erkennen typische KI-Muster und spüren – ganz ohne Fachwissen – wenn etwas nach „gemacht“ aussieht. KI-Bilder sind inzwischen so normal, dass sie fast schon wieder unsichtbar werden – aber auf eine schlechte Art. Sie wirken häufig zu glatt. Zu perfekt. Wie eine Version von Ihnen, die nie schwitzt, nie müde ist und nie einen echten Arbeitstag hatte.
Fazit: Alles schön – und trotzdem nicht wahr.
Was jetzt passiert, ist der eigentliche Twist, den kaum jemand auf dem Schirm hatte: Echte Fotos werden wieder zum Signal. Nicht als Luxus, sondern als Beweis. Beweis dafür, dass es Sie gibt. Dass Ihr Team real ist. Dass Ihr Arbeitsalltag nicht aus generischen Motiven oder perfekt erfundenen Settings besteht.
Plötzlich wirken Dinge stark, die früher einfach selbstverständlich waren – weil sie heute selten geworden sind:
- Teamfotos, auf denen Menschen wirklich miteinander zu tun haben, statt nebeneinander „Team“ zu spielen
- Portraits, die nach einem echten Gespräch aussehen und nicht nach „jetzt bitte kurz sympathisch“
- Arbeitsumgebung, die nicht wie ein Pinterest-Büro wirkt, sondern wie Ihr Ort mit Ihren Details
- Abläufe, die man erkennen kann, weil sie nicht generisch sind
Und genau das ist 2026 so relevant: Vertrauen entscheidet sich oft in Sekunden. Nicht erst nach drei Gesprächen, nicht erst nach dem Angebot. Der erste Eindruck entsteht, während jemand über Ihre Karriereseite scrollt oder in einer Google- oder KI-Zusammenfassung nur ein paar Schnipsel wahrnimmt. Wenn Bilder dann austauschbar wirken, fühlt sich das Unternehmen austauschbar an – auch wenn es das in Wirklichkeit gar nicht ist.
Echte Fotos sind deshalb kein „schöner Inhalt“. Sie sind ein Filter.
Sie sorgen dafür, dass Bewerber schneller verstehen, worauf sie sich einlassen. Echte Fotos reduzieren Missverständnisse, noch bevor sie entstehen. Und sie machen sichtbar, was sonst zwischen Marketingtexten und Buzzwords verloren geht: der Alltag, die Menschen, der Ort.
Vielleicht ist das die komischste Erkenntnis dieser ganzen Entwicklung: Nach Stockfoto-Überfluss und KI-Feuerwerk wirkt etwas wieder besonders, das früher einfach normal war – Fotografen, die echte Menschen an realen Orten fotografieren. Nicht, um „Content“ zu produzieren, sondern um Material zu schaffen, das man wirklich einsetzen kann.
Spannend zum Nachlesen:
Gerade dreht sich in der Stockfoto-Welt etwas: Plattformen wie Adobe Stock (und vermutlich bald auch Shutterstock/Getty) reagieren auf die Bilderflut durch KI. Geplant sind strengere Regeln gegen imitierte Stile und Motive, klarere Kennzeichnung von KI-Inhalten und eine Suche, die Qualität, Originalität und Relevanz stärker gewichtet als reine Popularität. Für Fotografen könnte das ein echtes Signal sein: Authentische Bildsprache und Originalität bekommen wieder mehr Wert. Weiterlesen…
